Veranstaltungsbericht
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SPURENSUCHE BREMEN – DIE STADTFÜHRUNG

Trotz einiger Wolken am Himmel haben sich neun TeilnehmerInnen der Uni der Straße vor dem Café Papagei eingefunden, um mit unserem Dozenten John Gerardu Bremen und Bremens Geschichte neu zu entdecken. Erster Halt auf der Spurensuche war das Haus des Reichs, das heute von der Senatorin für Finanzen und den Finanzämtern Bremens genutzt wird (Bild oben). Vor 80 Jahren galt es als Zentrum der Plünderung von Juden. Wir bestaunten das unveränderte Dekor im Inneren und stellten unserem Dozenten erste Fragen. Was als typische Lehrer-Schüler-Situation startete, entwickelte sich bald zu einer regen Unterhaltung aller Beteiligten.

Highlight der Tour war sicherlich der Bunker an der Wallanlage. Hinter Hecken und Blumen versteckt und unterirdisch ist diese Spur fast unsichtbar – „da lebt man schon so lange in Bremen und kennt doch fast nichts“.

Spurensuche in den Wallanlagen

Spurensuche in den Wallanlagen

Johns Erzählungen gaben die Geschehnisse der Vergangenheit lebhaft wieder. So konnte jeder auf der Tour nachempfinden, wie sich die Menschen damals gefühlt haben müssen, die in diesem Bunker Schutz gesucht haben, aber nicht immer bekamen. Denn oft gab es zu wenig Platz, man hatte die falsche Hautfarbe oder politische Einstellung, war zu arm oder wurde schlicht und einfach abgewiesen.

Denkmäler aus der Zeit kann man auch heute noch in Bremen finden: von Nazis für Nazis oder von Nazis für Gefallene aus dem ersten Weltkrieg, aber auch von Menschen, die an die Grausamkeiten der Nazis erinnern möchten. Eindrucksvoll in den Wallanlagen ist z.B. das Denkmal für das am 09.06.1942 von der deutschen Wehrmacht zerstörte tschechische Dorf Lidice. Verkohlte Mauer- und Holzreste bilden die Installation “Erinnern für die Zukunft – Lidice Mahnmal” des Bremer Künstlers Jürgen Waller. Direkt daneben befindet sich der „Jüngling“ von Herbert Kubica, mit dem ursprünglich die Gefallenen des Freicorps Caspari und der Division Gerstenberg von den Nazis geehrt werden sollte.

Die Führung endete nach einer einstimmig beschlossenen Verlängerung nicht bei der Stadtbibliothek, die damals die Polizei beherbergte, sondern beim Ehrenmal auf der Altmannshöhe, das nach der Machtergreifung der Nazis 1933 zu Ehren der im ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten errichtet wurden. John erzählte uns wie Neonazis es auch nach dem zweiten Weltkrieg als Sammelpunkt nutzten.

Während des Spaziergangs stellte uns John die Spurensuche-App vor, mit der man die Stadt und ihre Geschichte ganz einfach selbst entdecken kann. Besonders daran ist, dass man nicht nur Spuren von der App geliefert bekommt, man kann auch selbst gefundene und recherchierte Spuren einschicken und über das zugehörige Portal veröffentlichen. Dem Portal ist sogar eine eigene Veranstaltung der Uni der Straße gewidmet.

Obwohl die Stunde schon längst um war, wollte sich die Gruppe nicht so recht auflösen. Es wurde noch fleißig weiterdiskutiert. Über damals und heute und die Zukunft – was passiert gerade in Europa? Könnte es wieder so werden?

Es war spannend, nicht nur Dank Johns großem Wissen und seiner tollen Erzählweise, sondern auch, weil alle Studenten so interessiert und informiert waren. Gute Gespräche entwickelten sich von allein, und ich hoffe, dass dies nicht die einzige Stadtführung durch Bremen im Rahmen der Uni der Straße war!

Text: Katrin Suhr
Fotos: Cory Patterson

 

Ankündigung der Veranstaltung

Bremen in der Nazizeit – eine Spurensuche. Die einstündige Führung führt Sie vom Café Papagei ins damalige Bremen von 1933–1945. Jede Ära hinterlässt Spuren: Begeben Sie sich mit uns auf die Suche danach und lernen Sie die Stadt neu und anders kennen. Entdecken Sie, wo und wie Menschen ihre Macht brutal gegenüber den demokratischen Kräften angewandt, aber auch wie Menschen sich dagegen zur Wehr gesetzt haben. John Gerardu führt Sie auf dieser Zeitreise unter anderem zum Haus des Reiches, zum Bunker Herdentorsteinweg, zum Lidice-Denkmal, zum Gefangenenhaus Ostertorwache, zum Wall-Forum, dem ehemaligen Polizeihaus und ins Schnoorviertel zur Synagoge.

John Gerardu, 64 Jahre, kommt ursprünglich aus den Niederlanden und war beruflich als Sozialpädagoge in der Bremischen Jugendarbeit tätig, zuletzt in der Landesjugendbehörde. Als Rentner koordiniert er die digitale Plattform www.Spurensuche-Bremen.de sowie verschiedene andere Projekte, die in diesem Kontext entstanden sind.

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