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AUF EIN NEUES!

Die Uni der Straße (UdS) startet ins Wintersemester. Vorab sprachen wir mit Cory Patterson, dem Koordinator dieses besonderen Bildungsangebots.

 

Im Sommer ging die UdS mit einem Probesemester an den Start. Was lief besonders gut?

Sehr gut angenommen wurden die Workshops, allen voran „Trommeln für den Widerstand“ mit einer Action-Samba-Gruppe, die auf Demonstrationen spielt. Die haben die Instrumente und Kommandozeichen erklärt, und dann haben die Teilnehmer einen einfachen Rhythmus einstudiert, den sie mit der Sambagruppe am Ende des Workshops auch draußen auf der Straße gespielt haben. Das hat echt Spaß gemacht! Toll angenommen wurde auch die „Einführung ins Darstellende Spiel“ mit einer Lehrerin, mit der wir praktische Übungen gemacht und Dialoge einstudiert haben. Das kam so gut an, dass wir in diesem Semester erneut „Darstellendes Spiel“ anbieten.

Wo gab es Probleme?

Einige Veranstaltungen waren schwach besucht, weil die Themen für die Hauptzielgruppe offenbar nicht interessant waren. Deshalb haben wir uns während der Semesterplanung mit den Gästen des Wohnungslosentreffs Café Papagei zusammengesetzt und gefragt: Was interessiert euch, welche Veranstaltungen wünscht ihr euch? Da kamen viele Ideen zusammen. Wir können nicht alles davon umsetzen, aber einiges haben wir aufgreifen können. Diese Runden Tische wollen wir beibehalten. Denn einer unserer Grundsätze ist ja Teilhabe – das gilt in alle Richtungen. Bei der Uni der Straße machen Studierende mit, professionelle Dozenten und Wohnungslose oder Leute mit wenig Geld: als Teilnehmer, aber nicht nur, sondern auch bei der Planung.

Was werden Sie anders machen als bisher?

Im Sommersemester haben wir die Veranstaltungen bewusst kurz gehalten, etwa eine Stunde. Bei Vorträgen mit anschließender Diskussion passt das auch. Aber zu den Workshops bekamen wir viele Rückmeldungen, dass eine Stunde zu kurz sei. Daraus haben wir gelernt: Wenn die Leute aktiv bei etwas mitmachen, dann ist ihre Aufmerksamkeitspanne viel größer. Das haben wir in der Planung des neuen Semesters auch berücksichtigt.

Jetzt beginnt das neue Semester. Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte?

Das Veranstaltungsprogramm für Winter 2016/2017 ist da!

Wir haben mehrere thematische Säulen, es wird um Gewaltfreiheit gehen, um soziale Teilhabe und um Ernährung. Wir werden beispielsweise gemeinsam den Film „Hass“ anschauen, in dem es um Gewalt in den Vororten von Paris geht. Und am nächsten Abend sprechen wir gemeinsam über den Film, der ziemlich brutal ist. Eine Woche danach machen wir einen Workshop zu Deeskalation, und dann gibt es noch eine Veranstaltung zu gewaltfreier Kommunikation. Für den Themenblock Armut haben wir unter anderem eine Rechtsanwältin der Erwerbslosenhilfe eingeladen. Sie wird mit den Teilnehmern durchsprechen, welche Pflichten und welche Rechte sie im Umgang mit dem Jobcenter haben und welche bürokratischen Fallstricke es zu beachten gilt. Außerdem haben wir von vielen Gästen im Café Papagei gehört, dass sie Probleme haben, mit dem wenigen Geld, das sie haben, hauszuhalten und sich dennoch gesund zu ernähren. Dazu werden wir einen Workshop anbieten: Wie kann ich mich mit wenig Geld gesund ernähren?

Gibt es eine Veranstaltung, auf die Sie sich ganz besonders freuen?

Im Dezember gibt es eine Diskussionsrunde mit Pastor Jürgen Mann, dem Seelsorger der Inneren Mission. Er wird mit den Teilnehmern über Gott, Glaube und Religion sprechen. Auf dieses Thema sind wir durch einen Zufall gekommen, als ich mich im Café Papagei zu einigen Gästen gesetzt und sie mit „Grüß Gott“ begrüßt habe. „Mach ich, wenn ich ihn sehe“, hat einer geantwortet. Und dann entbrannte eine schöne Diskussion über Religion, wie unlogisch das doch sei und solche Dinge. Darüber habe ich mit Jürgen Mann gesprochen, und er war gleich dabei: Die Diskussion greifen wir wieder auf! Er möchte einen Impuls geben und dann offen und gern auch kontrovers diskutieren.

Wäre eine stärkere Durchmischung des Publikums wünschenswert?

Im Probesemester kamen überwiegend Gäste aus dem Café Papagei. Es wäre schön, wenn noch mehr ganz normale Angestellte die Veranstaltungen besuchen würden, damit man miteinander ins Gespräch kommen und Vorurteile abbauen kann. Von beiden Seiten übrigens. Damit die Leute sehen: Die sind ja gar nicht alle stinkbesoffen! Oder andersherum: Die sind ja gar nicht arrogant und gucken auf mich herab. Die Uni der Straße soll da eine kleine Brücke bauen. Dafür wollen wir stärker werben: Die Uni der Straße ist nicht nur für Wohnungslose da. Daher auch der neue Slogan: Uni der Straße – für alle, ohne Grenzen. Bei uns brauchst du kein Abitur, kein Geld, aber du musst auch nicht arm oder obdachlos sein. Du kannst auch gern kommen, wenn du als Chirurg in der Parkallee wohnst.

 

Text: Philipp Jarke
Quelle: Die Zeitschrift der Straße #43, November 2016, S. 28-29
Illustration: Michael Vogel

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